Was ist normal?

Wir beginnen heute mit einem ironischen Gedicht:

„O Mitmensch, willst du sicher sein in deinem Treiben und Getue,
so schau in Nachbars Kämmerlein, in Nachbars Bett, in Nachbars Truhe.
Und wie er’s hält und wie er’s macht, richt‘ deinen Wandel ein desgleichen,
auf dass der Nachbar in der Nacht getrost darf in dein Zimmer schleichen.
Nur das Besondere missfällt, das Eigne und Originale.
Ein kluger Mitmensch aber hält sich allezeit an das Normale.“

 

Dies schrieb der Schriftsteller und Politiker Erich Mühsam (1878-1934), ein wacher und kritischer Geist, der bereits am Ende des 19. Jahrhunderts Auswege aus einer von Nationalismus und Ungerechtigkeit geprägten gesellschaftlichen Normalität suchte. Im Gedicht spottet er über die ängstliche Ausrichtung an der Mehrheit und den Verlust der Selbständigkeit.

Damals gab es weniger Information und Meinungsvielfalt als heute; es war also einfach, sich vom breiten Strom normaler Grundsätze und Gewohnheiten treiben zu lassen. Aber ist es nicht auch heute verbreitet, sich stets auf das Normale zu berufen? Gibt es nicht auch für uns die Gefahr, persönlichen Entscheidungen aus dem Weg zu gehen? Wir können täglich anhand von Umfrage-Ergebnissen nachlesen, was „in“ und was „out“ ist. Dadurch, dass sich viele Werbeträger ständig auf einen Mehrheitsgeschmack berufen, besteht die Gefahr, dass wir uns zu viel ansagen lassen und unfrei werden.

Was ist für eine Pfarrei normal? Welche Personen verkörpern den „Mainstream“ einer Pfarrei? Mit welchen Erwartungen kommen wir zum Gottesdienst? Sicher besteht auch innerhalb einer Pfarrei die Gefahr, sich inmitten unhinterfragter Gewohnheiten eine Vorstellung von Normalität einzurichten. Dabei hat sich das Verhältnis der Kirchen zu dem, was in der Gesellschaft als normal angesehen wird, stark verändert.

Noch vor wenigen Jahrzehnten hatte es als normal zu gelten, Mitglied einer Kirchgemeinde zu sein – das durch die Familienzugehörigkeit geregelte religiöse Bekenntnis wurde selten in Frage gestellt. Dies hat sich mittlerweile geändert, wie uns statistische Erhebungen verraten. Unter den heutigen Bedingungen wird es auch bei der Mitgestaltung unserer Gottesdienste schwierig, sich auf eine allgemein gültige Vorstellung von Normalität zu berufen; die Musik darf deshalb eher Impuls als Wiederholung sein.

Wodurch wird ein vitales Glaubenszeugnis eher unterstützt: durch Gewohnheiten und starre Erwartungen – oder durch Offenheit und Sensibilität? Nutzen wir die Chance, uns als freie Menschen zu begegnen; seien wir auch innerhalb unserer Pfarrei nicht so erschreckend normal wie jener angeblich kluge Mitmensch in Mühsams Gedicht.

Matthias Wamser


 

Ferien = Musse & geistliche Erneuerung

Der Sommer ist für viele der Moment im Jahr um einige Tage oder gar Wochen frei zu nehmen. Wir geniessen das Wetter, fahren für einige Tage weg oder widmen uns zuhause einem Projekt. Auch Papst Franziskus liess es in der römischen Sommerhitze etwas ruhiger angehen. In Solidarität mit den Daheimbleibenden wollte er zwar auch dieses Jahr nicht wegfahren. Doch auch er unterbrach den Arbeitsprozess. Er hielt keine Audienzen ab und auch die öffentlichen Begegnungen reduzierte er auf praktisch null.

So tat es auch Jesus immer wieder. Anfang Woche feierten wir das Fest der Verklärung des Herrn. Jesus unterbrach die weiten Märsche, die unzähligen Begegnungen, die Erläuterungen zum Reich Gottes. Er zog sich für einen Moment aus dem Alltag und der Hektik zurück. Und selbst die meisten Apostel hiess er am Fuss des Berges zu warten. Erst im kleinen Kreis stieg er den Hügel an. Ferien sind eine Zeit um dem Leib etwas Ausgleich zu gönnen, den Kopf zur Ruhe kommen zu lassen. In meiner Familie bot der Urlaub auch zahlreiche Gelegenheiten Verwandte zu besuchen. Oder Freunde einzuladen, etwas mit ihnen zu unternehmen, die gemeinsame Zeit zu geniessen und die Gastfreundschaft zu pflegen.

Denn der Urlaub ist nicht nur ein Abschnitt im Jahr die Kräfte des Körpers zu regenerieren. Auch die Kräfte der Seele wollen erneuert sein. Dieses kann sehr vielfältig sein: Zeit zur Erholung. Zeit, um mit der Familie zu sein. Zeit, um etwas Freudiges zu unternehmen. Zum Lesen, Musik hören, Sport treiben. Und die Ferien sind eine Gelegenheit den eigenen geistlichen Weg zu vertiefen.

Ich sehe dies wie in einer Beziehung. Der Umgang mit Jesus ist nichts anderes als die Pflege einer persönlichen Freundschaft. Und gerade die Beziehung mit Jesus hat das Potential, sich zur wohl intimsten Freundschaft überhaupt zu entwickeln. Wie dies mit jeder Beziehung ist, erfordert auch diese Zeit und Aufmerksamkeit. Wie wohltuend sind die Stunden, in denen ich mich mit einer Freundin/ einem Freund treffe und mit ihr/ ihm zusammen etwas trinken gehe, ins Gespräch komme?

Ein Nachteil der Ferien ist ihre Vergänglichkeit. Ist es Ihnen wie mir ergangen? Wäre die Liste der Möglichkeiten noch lang? Und ist auch bei Ihnen die Zeit mit dem Herrn in der Geschäftigkeit des Urlaubs etwas untergangen? So lade ich Sie ein, es mir gleich zu tun und mit einem bis drei kleinen Vorsätzen in die neue Arbeitsperiode zu starten. Sei es ein ruhiger Moment zum bewussten Start in den Tag. Oder auch einige Augenblicke vor dem Zubettgehen, in dem ich den Tag Revue passieren lasse und für die schönen wie mühsamen Momente Jesus Dank sage, mich mit ihm austausche. Wichtig ist die Zeit mit ihm.

Ein erster Ansatz, von dem aus sich die Freundschaft pflegen und weiter aufbauen lässt. Wenn der Urlaub auch schnell verstreicht, bleibt doch der Trost der kleinen Wochenferien – dem Sonntag ;-)


 

Mit Gott in die Ferien

Beim Packen des Ferienkoffers denken wir an vieles.
Denken wir auch an das Wesentliche?
Möglicherweise vergessen manche Menschen Gott zu Hause, wenn sie in die Ferien fahren.
Ähnlich wie das Kind, das vor den Sommerferien nach Hause kam. Die Mutter fragte es: «Was habt ihr heute im Religionsunterricht gemacht?» Die Antwort: «Heute sind wir fertig mit Gott
Wer meint, Gott würde nie Urlaub machen, täuscht sich. Das ist genau so unsinnig, als würde man glauben, Gott wohne in der Kirche.
Natürlich ist Gott gegenwärtig im Gottesdienst. Aber warum sollte er nur dort sein? Er macht keine Ferien vom «Gott sein», denn sein Name ist «Ich bin da».
Treffpunkt mit Gott: ob man diesen Sommer Ferien hat oder nicht, man kann sich mit Gott verabreden, im Büro, im Flugzeug, am Meer, in den Bergen, im Dschungel.
Vielleicht mit einem Gebet: «Gott, zeig mir, dass Du nahe bist.» Denn er hat versprochen, dass er sich von denen finden lässt, die von ganzem Herzen nach ihm fragen (vgl. Jer 29, 13).
Gott braucht keine Ferien, aber es tut gut, die Ferien und die Freizeit in seiner Gegenwart zu verbringen.
Gerade in den Stunden der Ruhe ist er nahe.

Ausruhen mit Gott: der Evangelist Markus erzählt, dass Jesus einmal zu den Jüngern nach Tagen voller Stress sagte: «Kommt mit mir an einen einsamen Ort und ruht dort ein wenig aus» (vgl. Mk 6,31).
Der Mensch erholt sich wirklich in der Beziehung zu Gott.
Man begegnet ihm dadurch, dass man lernt, seine Stimme in der inneren Ruhe und in der Stille zu hören.
Der Dichter Rilke sagt: «Gott lieben heisst eintreten, gehen, stehen, ausruhen und überall in der Liebe Gottes sein
Allen schöne und erholsame Ferien und eine glückliche Heimkehr!
Für besonders Fleissige noch ein ermutigendes Wort von E. Fridell: «Selig die Stunden der Untätigkeit, denn in ihnen arbeitet unsere Seele.»

Gaetano De Pascale