Verzichten? Danke, verzichte.

Die vorösterliche Zeit der Besinnung und Busse steht vor der Tür. Und ich? Ich habe keinen Bock ohne Doppelbock. Ursprünglich hatte ich Fasten im alten Stil ins Auge fassen wollen: kein Fleisch, keine Milchprodukte, keine Eier, nix Süsses und kein Alkohol. Sozusagen vegan mit Fisch. Und dann kam Corona. Besser: Und noch immer ist Corona.

Soll ich – nachdem im vergangenen Jahr Vieles nicht möglich war und mich aktuell zahlreiche Bestimmungen einschränken – soll ich da etwa auch noch freiwillig verzichten!? Die Fastenzeit mag für manche nach den Covid-Beschränkungen und im Homeoffice ein willkommener Anlass sein, den längst vergessenen Neujahrsvorsatz der ausgewogenen Ernährung, von etwas Sport oder einfach mehr Bewegung auszugraben. Wobei dem Nachbarshund der zusätzliche Auslauf langsam wie die Zunge zum Hals raushängt.

Nun steht am Aschermittwoch Jesus da und lädt im Evangelium zu Gebet, Almosen und Fasten. Er spricht in der Bergpredigt den Wandel des Herzens an, um inniger lieben zu können. Oh ja, das tut bei der allgemeinen Gereiztheit dieser Tage wahrlich Not. Zeit zum Abschalten, um bei Gott zu sein und bei Bedarf auch mit ihm zu reden. Wie erfrischend ist es, inmitten der täglich zahlreichen und oft inhaltslosen Meldungen zu erfahren, wie Gott ist und mich auf die Erfahrung seiner Liebe an Ostern vorzubereiten. Kreativ Gutes tun, um in meinem Zeitbudget meinem Nächsten und Gott Raum zu geben. Je nach Möglichkeit – Geldgaben, um bei meinen finanziellen Mitteln Platz für Gott zu schaffen. Es ist eine Art Prinzipien-Kondo.


Und schliesslich spricht Jesus vom Fasten verstanden als freiwilliger Verzicht. Verzichten? Ganz ehrlich, da habe gefühlt aktuell genug davon. Ich gehe gerne ins Kino: schon eine ganze Weile geschlossen. Ich bin eine Wasserratte: jetzt ist Winter. Freunde im Ausland besuchen: Grenze praktisch dicht. Freunde einladen: eher schwierig. Wellness: Fehlanzeige. Museum: zu. Und nun keine Schokolade und kein Feierabendbier? Ich habe die Einschränkungen der Pandemie auf der Latte. Beim schalen Statement «nächstes Jahr dann» hebt sich ungläubig meine rechte Augenbraue. Den Pandemie-Smalltalk als das neue «Wie geht’s?» würde ich zwar kaum missen. Und es lässt sich auch herrlich über Covid streiten. Einig sind wir darin, dass die Pandemie uns zwingt, Dinge neu zu denken. Was im Alltag bisweilen Mühsal, kann für uns als Pfarrei und Pastoralraum, Bistum, Schweizer Kirche auch eine Chance sein. Das wäre doch etwas für die Fastenzeit. Vielleicht steht dieses Jahr nicht der äussere Verzicht an. Davon gibt’s bereits so reichlich, dass genügend Gelegenheit besteht, sich neu Gott zuzuwenden. Vielleicht geht es 2021 einfach darum, den äusseren Verzicht zum Anlass zu nehmen, Dinge aus dem Leben zu überdenken; Beziehungen zu ordnen, neu zu pflegen; den Wunschzettel ans Jahr und Leben durchzukämmen, abzuklopfen und nach den tieferen Sehnsüchten zu ordnen; und nicht zuletzt: Mir bewusst zu werden, was ich alles bereits (erreicht) habe. (Dann kann ich den inneren Schweinehund auch leichter beim Schlafittchen packen, wenn er mir borstig daherkommt.)


Eine segensreiche Fastenzeit (& Prost) wünscht, Pascal Bamert




44 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Gemeinschaft leben