Der Schweizerpsalm

Diligam te Domine, fortitudo mea ... Ich will dich lieben, Herr, meine Stärke! Herr, du mein Fels, meine Burg, mein Erretter. Dies sind die Verse 2 und 3 von Psalm 18, die in zwei der drei Lesejahre als Teil eines Antwortpsalms gesungen werden. Auf den lateinischen Text hat der Zisterzienser Alberich (Alberik) Zwyssig (1808–1854), der im Kloster Wettingen als Sekretär des Abtes und als Stiftskapellmeister tätig war, im Jahr 1835 ein Offertorium (Gesang zur Gabenbereitung) komponiert. 1841, im Jahr der Aufhebung seines Klosters, erhielt er den Text des Schweizerpsalms von Leonhard Widmer, der als Lithograph und Publizist arbeitete. Zwyssig schuf keine neue Komposition zu diesem Text, sondern unterlegte ihn seinem Offertorium „Diligam te Domine“. Soweit ist die Geschichte vielen bekannt. Interessant ist, dass hier ein Teamwork eines aus der Innerschweiz stammenden Mönchs und eines reformierten liberalen Zürchers vorliegt, und dass die beiden Urheber des Schweizerpsalms einander freundschaftlich verbunden waren, da Zwyssig im Geschäft Widmers regelmässig Noten erworben hatte. Interessant ist auch, dass Zwyssig den Text durch Auslassung bzw. Zusammenziehung von Zeilen an seine Musik anpassen musste, während Widmer in den später zusammengestellten Sammlungen seiner Gedichte seine ursprüngliche Version beibehielt. Der Schweizerpsalm entstand in einer Zeit, in der es um die Einheit der Nation schlecht bestellt war, was sogar zu einem Bürgerkrieg führte, dem Sonderbundkrieg von 1847.


Bekanntlich mangelt es nicht an negativen Stimmen zum Text Widmers, der als Produkt seiner Zeit zu sehen ist. Der Theologe und Kirchenmusiker Andreas Marti hat den Text als „kitschig geschöntes Bild der Schweizer Alpen“ bezeichnet. Dass sich andere grundsätzlich an den christlichen Bezügen stossen, ist bekannt. Dagegen steht die Einschätzung des Zuger Historikers Alois Odermatt: „Dieses ‹Beten› richtet sich nicht an einen Gott. Es bedeutet nicht ‹Bitten›, sondern ‹Staunen› und ‹Ergriffensein› im Sinne der spätromantischen Natur-Religiosität.“ Sicher kann festgehalten werden, dass der Text sehr verschiedenartige Zugänge und Betrachtungsweisen zulässt. Wenn er am Ende eines Gottesdienstes gesungen wird, so ist er Ausdruck der vertrauensvollen Hinwendung zu Gott – darin ist er dem von Zwyssig zunächst vertonten Text „Diligam te Domine“ eng verwandt.


Wegen des nahenden Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettags wurde ich im Pastoralteam der Pfarrei gebeten, etwas zum Schweizerpsalm zu schreiben. So neu, wie einige Mitglieder des Teams gedacht hatten, war das Thema für mich jedoch nicht: Vor 14 Jahren wurde eine Messe für Chor, Streichinstrumente und Orgel auf CD aufgenommen, die einige unvollständig erhaltene Messesätze von Albrich Zwyssig mit der Melodie seines Schweizerpsalms kombiniert und abschliesst. Als „Messe mit dem Schweizerpsalm“ ist das Werk mittlerweile recht bekannt geworden. Ich wurde damals gebeten, bei der Aufnahme die Orgelstimme zu spielen, was ein Grund war, mich auch mit der Geschichte der Landeshymne zu beschäftigen. Auf der gleichen CD wurde die Aufnahme eines der Orgelwerke veröffentlicht, die über den Schweizerpsalm komponiert wurden – die Aufnahme der „Partita über den Schweizerpsalm“ von Benno Ammann (1904-1986). Dies schlägt eine Brücke zu den Ereignissen dieses Jahres: Benno Ammann ist der Komponist jener grossen „Missa Defensor Pacis“, die am 26. September von den Basler Madrigalisten in St. Anton gesungen wird.


Matthias Wamser

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